Warum #Digital kein lokaler Eingriff ins Unternehmen ist. Und was hat eigentlich die Digitalisierung mit der Renovierung eines Hauses zu tun? (German)

Dieser Artikel gibt einen kleinen Einblick, was Digital-Initiativen für das Ökosystem eines Unternehmens bedeuten und warum diese in der Regel kein “lokaler Eingriff” sind.

Renovation-Approach

Was hat eine Digital Initiative nun aber mit einer Renovierung (respektive schweiz. “Renovation”) eines Hauses zu tun? Dafür muss ich eine kleine Geschichte erzählen. Als meine Frau und ich vor über einem Jahr angefangen haben, unser Haus zu renovieren, wollten wir zuerst die Wand zwischen Küche und Esszimmer herausnehmen und noch etwas Home Automation-Technik nachrüsten. Da in der betroffenen Wand eine Steckdose war, hielten wir es für richtig, für das Verlegen der Leitungen und der Dose an einen anderen Ort einen erfahrenen Elektromeister einzubeziehen. Als dieser vor Ort die von uns als kleine Korrektur angeschaut hat, gab es plötzlich ein zusätzliches Problem. Nicht nur eine Leitung, sondern der Verteiler für zwei Räume befand sich in der Wand, die ja zukünftig nicht mehr existieren sollte.

Zu diesem Zeitpunkt wurde uns auch klar, dass wir jemand brauchten, der uns als Architekt mit Blick aufs “Gesamtsystem Haus” durch unsere Renovierungsmassnahme führt. Letztlich mussten wir – wie sich bei dieser Betrachtung herausstellte – sogar sämtliche Elektroleitungen des Hauses erneuern, da die Leitungen alt und gemäss im Kanton Zürich geltender Bestimmungen bei einer Renovierung erneuert werden müssen. Das kam uns für unsere technischen Neuerungen (zusätzliche, neue Leitungen für Home Automation) zwar entgegen, führte aber zu erhöhtem finanziellen und zeitlichen Aufwand. Auch zeigt diese kurze Story sehr schön, was passieren kann, wenn man lokal an einer Stelle anfängt, etwas Neues einzuführen, aber den Gesamtkontext noch nicht erfasst hat. Plötzlich war bei uns nicht nur eine Wand, sondern das ganze Haus betroffen. Und übrigens ging die Kettenreaktion noch weiter – diese Ausführungen spare ich mir aber hier.

Pay-Per-Use in einer Versicherung

Im übertragenen Sinn bedeutet das auch etwas für die Erneuerung von Unternehmen im Kontext der Digitalisierung. Nehmen wir als Beispiel eine Versicherung, die ein neues, flexibles ‘Pay-Per-Use’-Produkt (Usage-based Insurance, UBI), basierend auf Blockchain und Smart Contracts, einführt. Es fängt bereits damit an, dass Prozesse beim Underwriting, beim Schadenmanagement, und so weiter basierend auf der neuen Technologie viel rascher, flexibler, agiler und automatisierter abgewickelt werden können. Das macht unter anderem ein klassisches Risikoprüfverfahren, das eventuell sogar noch manuell durchgeführt wird, grösstenteils überflüssig. Das ist sehr positiv, zum einen für die Endkunden, wenn diese in Echtzeit eine Versicherungsdeckung für beispielsweise eine Reise per App (Pay-As-You-Travel) aktivieren möchten. Aber es ist auch interessant für die Versicherung selbst, da ein gewisser organisatorischer und Prozess-“Overhead” entfallen kann.

Aber das bringt natürlich auch einiges an Herausforderungen für eine klassische und etablierte Versicherung mit sich. Unter anderem müssen rechtliche Aspekte geklärt werden (gern redet man hier heute von ‘LegalTech’). Auch führt die Umstellung der Produkte letztlich zu einer anderen Organisation, anderen Prozessen und erfordert auch ein Umdenken der Mitarbeitenden. Es braucht neue Digital-Capabilities des Versicherungsunternehmens und andere Skills bei Mitarbeitenden. Bestehende Capabilities des Unternehmens können unter Umständen aufgegeben oder durch einen externen Dienstleister übernommen werden. Es werden neue Apps (respektive Applikationen) eingeführt und diese müssen in die bestehende Applikationslandschaft integriert werden. Daneben muss für Blockchain auf eine andere Infrastruktur umgestellt werden, denn ein klassisches Mainframe ist sicher nicht für Blockchain geeignet, und so weiter (Anm. d. Verf.: Das Mainframe ist “simpel erklärt” der zentrale Computer, auf dem bei vielen Unternehmen immer noch sehr wichtige Applikationen laufen). Es braucht eben eine echte (Digitale) Transformation. Digital-Initiativen sind eben in der Regel nicht als separate, lokale Eingriffe betrachtbar, sondern haben einen erheblichen Impact auf das gesamte Unternehmen und seine Unternehmensarchitektur.

Für Neue auf dem Markt ist Digitales Business einfacher

Warum diese Ausführungen? Sicher können Unternehmen Digital-Initiativen auch in einem so genannten ‘Innovation-Lab’, ‘Brutkasten’ oder in einer ‘Laborumgebung’ umsetzen, das nicht in das Kernunternehmen integriert ist. Viele Unternehmen probieren das derzeit, um grosse Veränderungen und Transformationen im klassischen Geschäft vorläufig umgehen zu können. Letztlich müssen die im Labor “ausgetüftelten” Innovativen und digitalen Lösungen aber in das bestehende Unternehmen überführt werden. Wir haben vor einem Jahr natürlich auch nicht gleich ein neues Haus neben das alte gebaut, sondern mit dem Architekten abgeklärt, was von dem Renovierungsprojekt im Haus alles betroffen ist.

Genau deshalb können heute auch neue Mitbewerber auf existierende und zuvor als “gesättigt” geltende Märkte drängen. Im Versicherungsbereich spricht man in diesem Kontext von “InsurTech”. Die neuen Konkurrenten sind einfach viel agiler und flexibler und haben keinen gewachsenen, unnötigen “Ballast an Bord”. Sie können sich relativ rasch mit neuen, Kunden-zentrierten und auf neuen Technologien basierten Lösungen neben etablierten Unternehmen positionieren oder diese sogar vom Markt verdrängen.

Den Überblick zu behalten ist essentiell

Während der eigentlichen Transformation können Ansätze und Methoden wie beispielsweise ein schlankes und pragmatisches Enterprise Architecture Management oder ein Business Capability Management grosse Hilfen sein, um Transformationen zum Erfolg zu führen und fortlaufend den Überblick über das Unternehmen, auf Business- wie auf IT-Seite, zu wahren. Denn letztlich ist es essentiell, dass Sie während der Transformation die Kontrolle über das gesamte Ökosystem Ihres Unternehmens behalten und möglichst agil und flexibel neue Wünsche, Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung angehen können.

Kontakt und Feedback
Fragen oder Feedback? Bitte zögern Sie nicht, auf mich zuzukommen, um mit mir ins Gespräch zu kommen. Meine Passion ist es, Unternehmen durch die digitale Transformation zu führen, gemeinsam mit Kunden neue Business Modelle zu entwickeln und dann bei der Umsetzung zu begleiten. Ich unterstütze sowohl bei Digital-Projekten als auch als Unternehmens- oder Digital Business-Architekt. Grundlegend ist für mich ein Kunden-zentrierter Ansatz. Inspiriert zu diesem Beitrag hat mich übrigens Owen McCall mit seinem Blog-Artikel “A Renovation Approach To Going Digital“.
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