twint – Oder: Braucht es eine Schweizer Bezahl-App?

Wer mag schon das dicke Portemonnaie?

Wer will schon dicke Portemonnaies mit sich herumtragen? Ich persönlich habe hierzu eine klare Meinung. Seit in meinem Boss-Anzug eine Tasche gerissen ist, wo sich mein schweres Portemonnaie befand, versuche ich möglichst wenig Bargeld und Kredit- und Debitkarten mit mir zu tragen. Ich habe mir ein kleines, aber feines Mini-Wallet von Kancha geleistet (und gleich auch noch etwas gutes für die Kancha-Angestellten in Kirgistan getan). Darin ist Platz für 6 (offiziell nur 4) Karten und ein paar Scheine. Ein paar Münzen für das Trinkgeld kommen bei mir in die Hosentasche. Mehr Geld kommt bei mir nicht mit, wenn ich aus der Tür gehe.

Warum nicht Paypal?

Meine grosse Hoffnung war bereits vor Jahren, dass sich Paypal als Vorreiter mit einer App zum Bezahlen an der Kasse etabliert. Warum? Paypal hatte ich ohnehin schon (und es hatte sich schon stark verbreitet). Wie einfach das gewesen wäre, die Paypal-App zu nutzen, um damit die Kaugummis oder das Gipfeli an der Kasse zu bezahlen. Alles ohne dicke Geldbörse. Diesbezüglich wurde ich von Paypal leider enttäuscht, so dass sich meine Hoffnungen von dort an auf Apple und Google (oder vielleicht auch Amazon?) konzentrierten.

Contactless

Schliesslich etablierte sich dann endlich auch das kontaktlose Zahlen (respektive “Paypass”, “Paywave”), so dass meine Probleme mit der dicken Geldbörse erst einmal gelöst waren. Wenige Kreditkarten reichen bis heute im Alltag völlig aus, ausgenommen man geht zum Bäcker im Dorf oder dem Thai um die Ecke, denn hier wird aufgrund der Transaktionskosten lieber Bargeld gesehen (aber das ist ein anderes Thema). Und die Äpfel vom Bauern zahlt man ohnehin immer noch in Bar.

Schweizer Bezahl-Apps

Dass es in der Schweiz immer wieder Sonderlösungen für fast alles gibt, daran habe ich mich als Neu-Schweizer aber Noch-Deutscher inzwischen lange gewöhnt. So dauerte es auch nicht lange, da kamen meine ehemaligen Arbeitskollegen mit Paymit an. Beim Z’Mittag hatte jemand kein Geld dabei, da kam schnell die Frage an mich auf: “Kannst Du mein Essen übernehmen?” Wie reagiert ein anständiger Mensch: “Na klar, fühl Dich eingeladen oder revanchiere Dich doch einfach nächstes Mal.” Aber das hatte ich mir so einfach gedacht. Mein Kollege: “Ich schicke Dir das Geld einfach per Paymit.” Mein Gedanke: Schon wieder eine zusätzliche App zum Bezahlen auf dem Smartphone. Statt dem dicken Portemonnaie häuften sich also auf meinem Smartphone die Bezahl- und Banken-Apps. Ganz zu schweigen von den zum Teil sehr mühsamen Anmeldungsprozessen der Apps (inzwischen braucht es natürlich auch ein formales Client-Onboarding) und den ganzen Überweisungen von meinem Konto, um die ganzen Apps mit liquiden Mitteln zu befüllen.
Paymit war wie wir wissen nicht das einzige “innovative” Beispiel in der Schweiz in diesem Markt. Verstehen konnte ich das schon vor Jahren nicht, denn die Schweiz ist viel zu klein für mehrere lokale Bezahl-Apps, egal ob es um Zahlungen zwischen Kunden oder an der Kasse geht.

Das neue twint

Tatsächlich konnten sich nur Paymit und twint durchsetzen und aus beidem wurde am Ende das neue twint. Denn man muss seine Potenziale zusammen legen, um mit einer Schweizerischen Lösung gegen Apple und Co. konkurrieren zu können – und das ist ein wirklich guter Schachzug. Ich war froh über die Konsolidierung, schliesslich musste ich nun nicht mehr für jede Transaktion an Freunde und Bekannte sowie in Online-Shops eine andere App nutzen (und konnte endlich einige Apps vom Smartphone löschen). Auch zahle ich inzwischen gern im Internet mit twint und bin natürlich für eine gute Schweizerische Bezahllösung. Daneben finde ich die Transaktionsabwicklung via QR-Code gelungen (einfach und effektiv), die vor allem online zum Einsatz kommt.


Screenshot: https://www.twint.ch

twint am Point-of-Sale

Nicht gern zahle ich aber mit twint an der Kasse. Warum?

  • Der Vorgang dauert unverhältnismässig lange – contactless ist hier klar im Vorteil. Der twint Beacon (Bluetooth-Lösung) ist meines Erachtens einfach nicht der richtige Weg für eine Bezahl-App. Hier gibt es deutliches Optimierungspotenzial (wenngleich Apple NFC für andere Anbieter auf seinen Mobilgeräten gesperrt hat).
  • Die Kassierer(-innen) wissen teilweise nicht, wie der Vorgang genau abläuft, so dass es oft zu Missverständnissen und Abbrüchen bei der twint-Transaktion kommt – und man als Kunde schliesslich doch wieder lieber zur Kreditkarte oder (schlimmer noch) zu Bargeld greift. Ich hoffe, dass sich das irgendwann ändert. Aus Nutzersicht sind momentan Kreditkarten im “contactless”-Verfahren einfach reibungsloser.

“Das twint ist dann wohl doch nicht das Wahre” sagte neulich eine Kassiererin beim Coop zu mir, als ich wieder mal mit twint zahlen wollte und der Vorgang abgebrochen ist. “Wir können nochmals versuchen”, sagte sie. “Danke, merci. Ich nehme dann doch lieber meine Kreditkarte”, entgegnete ich.

Andere Anbieter

Inzwischen hat sich das Blatt aber gedreht. Apple Pay konnte inzwischen auch auf dem Schweizer Markt erste Schritte machen und auch die Bezahl-Allianz in der Schweiz gegen Apple, Google und Co. “bröckelt”. Auch wird spekuliert, wann genau Google Android Pay auf den Schweizer Markt bringt. Samsung Pay ist inzwischen bereits hier. Und nicht zu vergessen: Postfinance bietet Android-Nutzern schon seit Monaten eine App-Bezahllösung (Digital PostFinance Card) an, die NFC nutzt.


Plakat in der Nähe vom Zürcher Hauptbahnhof (8. Juni 2017)


International gibt es noch ganz andere Bezahllösungen, z.B. in China mit WeChat Pay (tencent), das direkt in die Messanging App WeChat integriert ist. Ähnliches wäre auch für WhatsApp denkbar.

Braucht es twint überhaupt?

Bei diesen vielen Alternativen drängt sich die Frage natürlich auf, ob es wirklich noch ein twint in der Schweiz braucht. Alternativen wie Apple Pay, Digital PostFinance Card und kontaktloses Zahlen mit Kreditkarte funktionieren doch auch reibungslos. Auch die Beteiligung weiterer Schweizer Banken an der twint AG ist nur ein kleiner Vorteil gegenüber den bei Kunden bereits etablierten Ökosystemen der Grossen. Apple, Google und Amazon haben die Smartphones, Tablets, Computer und Wohnzimmer (mit AppleTV, Google Chrome, Alexa, Echo und HomePod) der Schweiz bereits in grossen Teilen erobert. Fühlt sich ein Kunde in einem Ökosystem erstmal wohl, so liegt es für diesen einfach nahe, auch die Bezahllösung des entsprechenden Ökosystems zu nutzen.
Hinzu kommen auch ganz neue Konzepte für Transaktionen, bei denen der eigentliche Bezahlvorgang komplett weg fällt. Uber hat das vorgemacht. Im Uber-Auto braucht es kein Bargeld (bis auf das Trinkgeld), keine Kreditkarte – und somit auch kein twint – mehr.

Das beste Bezahlerlebnis, was ich mir vorstellen kann, ist einfach, wenn es schlicht keins gibt.

Boris Reinhard

Die Antwort respektive wie geht es weiter?

Wir werden sehen, wie viel Kunden twint auf Dauer gewinnen kann und ob sich das Konzept mit dieser Menge von Nutzern tatsächlich trägt. Ich wünsche mir für die Schweiz, dass sich das Konzept durchsetzen kann. Und vielleicht hat mein Bäcker im Dorf und der Thai um die Ecke dann ja auch bald twint, so dass ich kein Bargeld mehr benötige?

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2 thoughts on “twint – Oder: Braucht es eine Schweizer Bezahl-App?

  • Als Konsument im Alltag habe ich tatsächlich gerne einfach ein System für alles. Dies macht mir das Leben einfacher und China macht es ja mit WeChat ja im grossen Stil vor.

    Daneben gibt es natürlich aber auch Bedenken wie bspw. Privatsphäre. Jetzt weiss Apple, Google etc. nicht nur immer wo ich bin sondern kennt auch noch alle meine Transaktionen. Noch transparenter kann man kaum werden. Dies ist natürlich auch den Chinesen bei der WeChat-Nutzung bewusst, aber es scheint nicht weiter zu stören.

    Ein zweiter Punkt ist die zunehmende Silobildung im Internet. Das Internet ist technisch gesehen extrem zuverlässig und konzipiert, dass möglichst keine Single-Point-Of-Failures, und damit gleichzeitig auch keine Machtzentren entstehen. Da man aber nun zunehmend mehr Services auf immer weniger Anbieter aufbaut schafft man ein “Internet”, welches auf eben diese Vorteile, wie keine zentrale Kontrolle oder Manipulationsmöglichkeiten oder Ausfallsicherheit verzichtet.

    Hier kommen wir als Dienstleistungsanbieter aus meiner Sicht in eine Zwickmühle, denn unsere Kunden möchten sinnvollerweise jeweils die effizienteste und einfachste Lösung für ihre Kunden, dabei sollen gleichzeitig ein Vorteil gegenüber ihrer Konkurrenz entstehen. Nun trägt aber jede Bezahlfunktion über einen der grossen Anbieter zu oben genannter Silobildung bei.

    Mich würde interessieren wie Du Boris und die anderen Leser mit diesem Thema umgehen.

  • Ciao Markus, danke für Dein gutes Kommentar.

    Das was Du anspricht ist ein wichtiges Thema – und viele Menschen machen sich um ihre Privatsphäre und ihre persönlichen Daten heute (zu) wenig Gedanken. Gerade wenn es um Geld geht, sollte man das bedenken. Ich persönlich probiere als Nutzer immer gern Neues aus. Dem damit verbundenen Risiko sollte man sich bewusst sein und angemessene Sicherheitsvorkehrungen treffen. Ein Beispiel: bis 40 CHF ohne PIN contactless zu zahlen finde ich angemessen, aber nicht sicher. Aber bei Beträgen darüber braucht es ja dann auch eine PIN. Auch kann man gut Prepaidkarten nutzen. Bei Verlust ist das Risiko überschaubar. Und ein weiterer Aspekt, den Du ansprichst: Was machen die Anbieter eigentlich mit unseren Nutzungsprofilen und -Daten und wie durchschaubar bin ich als Kunde? Ich persönlich bin Kunde bei unterschiedlichsten Banken, Kreditkarteanbietern und sowohl Kunde bei Apple als auch bei Google. Ich habe PayPal, aber auch twint. Kein Anbieter hat also meine kompletten Daten vorliegen und zukünftig wünsche ich mir eine Art VRM (https://cyber.harvard.edu/projectvrm/Main_Page#About_VRM), in dem ich managen kann, welcher Anbieter welche Daten von mir bekommt.

    Ich hoffe, dass es auch zukünftig mehrere Bezahl-Apps in der Schweiz geben wird und die Silobildung ausbleibt. In einer Gesellschaft wie der Schweiz sollte das eigentlich möglich sein. Und die Voraussetzungen dafür sind eigentlich momentan noch gegeben. Apple, Google, Facebook (WhatsApp?), Samsung und vor allem auch twint sind ja hier ‘heisse’ Kandidaten.

    Gern nehme ich das Thema / die Themen bei Gelegenheit in einem anderen Post nochmals auf…

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