Werden Bitcoin und andere Kryptowährungen jetzt salonfähig?

Wer in den letzten Wochen die Bewertung von Bitcoin und anderen Kryptowährungen beobachtet hat, weiss, dass dieses (wieder einmal) eine “Achterbahnfahrt” war. Im so genannten Daytrading konnte man mit Bitcoins innerhalb von Stunden schon mal 20-30% gewinnen oder verlieren. Was steckt dahinter? Und sind Bitcoin und andere Kryptowährungen wie beispielsweise Ether nach dieser Kurskorrektur jetzt  auch für Unternehmen salonfähig?

Abgrenzung: Worüber ich im Folgenden nicht berichte, sind konkrete Anwendungsfälle oder genauere regulatorische Herausforderungen, denn hierzu komme ich in weiteren Blogposts. Es lohnt sich also, in diesem Block öfter einmal vorbei zu schauen oder sich für den Newsletter anzumelden.

Was ist passiert?
Betrachtet man als “Paradebeispiel” den Kurs des Bitcoins, zeigt sich eigentlich nichts besonderes. Nichts besonderes? Ja, denn derartige Kursschwankungen gab es schon immer. Volatilität ist bisher stets Bestandteil des Systems gewesen und wird es wohl auch vorerst bleiben. Zwar sind die Kurse von Bitcoin, Ether, etc. über die Zeit tendenziell immer weiter gestiegen, aber immer auch mit grossen Sprüngen nach oben und unten – und so war es auch dieses Mal.

Kurs BTC in den letzten Tagen

Kurs des Bitcoins (BTC) in den letzten 5 Tagen mit Ausschlägen von über 1’000 CHF – Quelle: http://www.finanzen.ch/devisen/bitcoin-franken-kurs am 21.7.2017, ca. 8.30 Uhr MEZ

Zunehmende Akzeptanz
Was neu ist: Viele Menschen wollten nun auch von dem Bitcoin-, Kryptowährungs- und Token-Boom profitieren und investieren, haben aber das System dahinter noch nicht hinreichend verstanden. Oftmals geht auch einfach Geld in der Blockchain verloren, wenn Geld an falsche Adressen transferiert wird, durch Spyware auf Computern gestohlen wird oder schlicht dadurch, dass Tokenholder ihren privaten Schlüssel, beispielsweise zu der eigenen Bitcoin- oder Ethereum-Adresse, verlieren. Wer wissen möchte wie man mit Kryptowährungen umgehen kann, erhält beispielsweise unter diesem Link Hinweise zum Thema einer Aufbewahrung der Assets in Form eines “Cold Storage”.

Bitcoin muss sich erneuern
Was in den letzten Monaten neu hinzugekommen ist, dass das bisher sehr stabile System hinter dem Bitcoin, der Bitcoin-Blockchain, zu kippen drohte. Die Zukunft des Bitcoin, der Kryptowährung mit der derzeit höchsten Marktkapitalisierung, war während mehrerer Monate ungewiss. Ursache war primär das Problem der Skalierbarkeit, denn für die stark wachsende Anzahl von Transaktionen ist die derzeitige technische Implementierung der Blöcke in der Blockchain, die seit ca. 7 Jahren stabil war, eigentlich nicht ausgelegt.

Es musste also eine rasche Lösung her, um das zunehmende Transaktionsvolumen abhandeln zu können. Hierzu wurden in den letzten Monaten miteinander konkurrierende Lösungsansätze vom Bitcoin Core Team, den Minern, von den Nutzern und anderen Interessengruppen entwickelt. Ein “Hard Fork”, also eine Aufspaltung in mindestens 2 (oder noch mehr) verschiedene Kryptowährungen drohte, da sich die Interessensgruppen nicht einig waren.

Vor dem Hintergrund der angespannten Situation wurden vor wenigen Tagen Gespräche zu der Problematik geführt. Momentan sieht es danach aus, als ob sich mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Weg (siehe BIP 91 / SEGWIT, Details u.a. hier oder hier) durchsetzen wird. Ein “Hard Fork” ist also eher unwahrscheinlich. Auch der Kurs des Bitcoins hat nach diesem Schritt wieder stark angezogen. Abgestimmt wird hierzu jedoch in der Bitcoin-Blockchain, das letzte Wort ist darüber also noch nicht verloren. Kurz zusammengefasst ist Kern der Lösung, bestimmte Teile aus dem eigentlichen Bitcoin-Block heraus zu lösen, um so mehr Platz für die derzeitige Transaktionsflut zu schaffen, denn das bedeutet mehr Kapazität pro Block. Die Blockgrösse des eigentlichen Blocks bleibt aber weiter stark limitiert. In Zukunft wird es also noch eine weitere Anpassung brauchen.

Die Situation heute
Wie erörtert, ist eine Zwischenlösung zur Abhandlung des derzeitigen Transaktionsvolumens beim Bitcoin offenbar gefunden. Auch die Wechselkurse des Bitcoins haben sich wieder eingependelt. Die Grenzen des Bitcoins in derzeitiger Form sind den Beteiligten aber bewusst geworden. Man hat mehrere Lösungsansätze entwickelt, über die man sich zukünftig – also nach der derzeit präferierten Übergangslösung – noch verständigen muss. Kurzum: Die heisse Phase ist überstanden, aber es werden weitere folgen. Aus Sicht eines etablierten Unternehmens gibt es momentan nur wenig Use Cases für die Bitcoin-Blockchain, warum also an einem derartigen System partizipieren?

Was spricht nun für eine Salonfähigkeit
Ganz klar ist, dass sich die etablierten Blockchains (respektive “Distibuted Ledgers”) technisch weiter entwickeln. Daher ist es auch kaum ein Wunder, dass grosse Beratungshäuser seit Jahren an Use Cases der Blockchain für Unternehmen arbeiten, wie beispielsweise die Ethereum alliance mit Microsoft oder Hyperledger mit IBM. Auch Unternehmen im Finanzumfeld prüfen mögliche Einsatzpotenziale schon länger, primär sind dieses Banken (siehe z.B. R3-Konsortium und weitere). Regulatorisch werden Kryptowährungen immer stärker akzeptiert, allerdings ist das sehr länderspezifisch und teils bewegt man sich hier in Grauzonen. Japan akzeptiert Bitcoin zum Beispiel als Zahlungsmittel, während in den USA das Halten von Kryptowährungen durch regulatorische Bedingungen erschwert wird.

Abgesehen von den USA, etablieren sich Kryptowährungen aber immer stärker. Hierzu nur ein paar Beispiele auss der Schweiz:

  • Bei Swissquote kann man in Kürze Bitcoins handeln
  • Ein Bitcoin-Zertifikat von der Bank Vontobel wird an der Schweizer Börse gehandelt
  • Bei der Privatbank Falcon (mit FINMA-Einverständnis) kann man z.B. Barguthaben gegen Bitcoin tauschen und halten
  • Eine wachsende Anzahl von Firmen akzeptiert Bitcoin als Zahlungsmittel (vom Schweizer Weinhändler (siehe hier) über Starbucks bis hin zum Technologieunternehmen)
  • Bei SBB-Automaten kann man Bitcoins auf sein Wallet laden
  • In Zug formiert sich das Crypto Valley

Ethereum
Ethereum, die momentan zweitwichtigste Blockchain (Kryptowährung “Ether/ETH”, Standort Zug, Schweiz) spielt ebenfalls eine wichtige wirtschaftliche Rolle, denn auf Ethereum lässt sich weit mehr als nur eine Währung abbilden. “Smart Contracts” ist hier das Schlüsselwort (gern erläutere ich auf Anfrage, worum es dabei geht). Ethereum hat sich beispielsweise als de-facto Standard für das Crowdfunding neuer Tokens respektive zum Funding neuer Kryptowährungen durch die Community etabliert (siehe z.B. das neue Mega-Projekt EOS, was zukünftig die Blockchain für Unternehmen sein will).

Ether kann bei guten Geschäftsideen im Blockchain-Umfeld klassische Finanzierungsmodelle aushebeln und überflügeln. Heute finanziert die Masse grossartige Projekte wie Lykke und Pillar in einem ICO (Initial Coin Offering), in dem neue “Tokens” von jeder beliebigen Ethereum-Adresse aus als Beteiligung erworben werden können. Das Pillarproject hat so über 7’000 Menschen begeistert und Werte im Gegenwert von mehr als 25 Mio. USD (Stand heute / in ETH) für die Finanzierung erhalten. Die Beteiligten sind nunmehr Shareholder des Projekts geworden.

Ethereum ist aufgrund seiner Plattform auch interessant für Unternehmen und ein Schritt in die Richtung echter nutzbringender Use Cases.

Fazit 
Wie geht es weiter? Vor dem Hintergrund der Volatilität und technischer Defizite können wir noch nicht davon sprechen, dass Kryptowährungen tatsächlich salonfähig sind. Nachfolgend auch ein Screenshot der Marktkapitalisierung der grössten Kryptowährungen, der die Relevanz von Kryptowährungen aufzeigt (im Vergleich: Amazon’s Gründer Jeff Bezos soll ein Vermögen von etwa 45 Mia. USD haben).

Marktkapitalisierung der 10 grössten Kryptowährungen (zum Vergleich: Jeff Bezos (Amazon) Vermögen wird auf ca. 45 Mia. USD geschätzt)

Marktkapitalisierung der 10 grössten Kryptowährungen (zum Vergleich: Jeff Bezos (Amazon) Vermögen wird auf ca. 45 Mia. USD geschätzt) – Quelle: https://coinmarketcap.com/#CHF am 21.7.2017, ca. 8.30 Uhr MEZ

Immer mehr Menschen in Unternehmen und Privatpersonen partizipieren jedoch, halten beispielsweise Kryptowährungen oder Projekt-Tokens (z.B. von Pillar). Technische Weiterentwicklungen werden zu einer erhöhten Akzeptanz führen und heutige Limitationen ausgleichen. Grössere, unvorhersehbare Kursschwankungen werden seltener, denn die Volatilität nimmt mit zunehmender Akzeptanz ab. Das “Angebot und Nachfrage”-Prinzip gilt aber natürlich auch für Kryptowährungen.

Menschen werden sich der Chancen, aber auch der Risiken bezüglich Kryptowährungen bewusster werden und fachgerechter damit umgehen. Das ist auch eine Chance für Unternehmen, denn mit zunehmender Funkionalität und Akzeptanz der Endkunden wird das Thema auch für Unternehmen immer interessanter. Vor allem in der Schweiz sind bereits die ersten Schritte gemacht. Ethereum und Lykke sind nur zwei Schweizerische Musterprojekte und hier ist noch viel mehr zu erwarten. Es ist also davon auszugehen, dass Blockchains zunehmend beliebter und auch salonfähiger werden.

Grundsätzlich bleibt es aber spannend, denn eine Garantie gibt es nicht. Schon in wenigen Tagen werden wir wissen, ob Blockchain das erwartete BIP 91-Update bekommen hat und wie sich der Kurs in diesem Kontext verhält…

Am 13.9. findet in Zürich die 2. Digital Community zum Thema Blockchain, Bitcoin und Smart Contracts statt. Jetzt anmelden: https://digitalcommunity.ch

Hinweise: Bei diesem Beitrag handelt es sich nicht um eine Anlageberatung. Alle Auskünfte sind ohne Gewähr. Vor einer Investition sollte man sich immer gut informieren wie seriös eine Anlageform ist. Beispielsweise haben zahlreiche Investoren Geld verloren, als sie sich vergangene Woche an Dashcoin beteiligen wollten, Hacker aber die Empfängeradresse auf der Website zeitweise modifizieren konnten. So gingen in diesem Fall Geldmittel im Gegenwert von ca. 7 Mio USD verloren.

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