ICOs, Regulierungen, China und die Schweiz – Kurze Standortbestimmung

Krypto goes Mainstream

Fast jeder, der die aktuellen Nachrichten verfolgt, hat inzwischen schon einiges zum Thema Bitcoin und über andere Kryptowährungen (so genannte “Altcoins”) gehört.

Es ist kein Wunder, dass man als “Berater” beispielsweise von Ärzten, Architekten, Handwerkern und Laborantinnen diesbezüglich angesprochen wird, besonders wenn man genau in der Blockchain-Szene aktiv ist. Von unterschiedlichsten Personen werde ich folglich immer öfter gefragt, wo man Bitcoins kaufen kann und ob oder in welche Coins (respektive Tokens) man investieren sollte.*

Initial Coin Offerings aka Token Sales / Token Launches

Die aktuelle Situation bezüglich der Initial Coin Offerings (ICO) – respektive Token Sales oder Token Launches – ist für Menschen, die sich mit dem Thema nicht schon länger beschäftigen, schlichtweg nur schwer erfassbar.

An ICO is an event in which a new cryptocurrency project sells part of its cryptocurrency tokens to early adopters and enthusiasts in exchange for money today. ICOs provide a way for cryptocurrency project creators to raise money for their operations. Most ICOs raise money in Bitcoin or other cryptocurrencies. (Smith & Crown)

Hinzu kommt, dass in den Medien meistens nicht hinreichend korrekt über das Thema berichtet wird. Oftmals ist die derzeitige Berichterstattung von subjektiven Vorurteilen oder durch mangelndes Wissen geprägt (siehe z.B. Artikel von Inside Paradeplatz). Autoren fokussieren sich gern auf offensichtliche Betrugsfälle und naive Entscheidungen von Krypto-Investoren, die diesen “ICO-Betrügern” scheinbar schutzlos ausgeliefert sind (so wird einem das Thema oftmals vermittelt). Dieses führt nicht gerade zu einer Aufklärung über den Sachverhalt, sondern zu zunehmender Unklarheit und Verunsicherung. Bitcoin, Kryptowährungen und ICOs werden dann oft pauschal in die Ecke der Steueroptimierer, der Betrüger (so genannter “Scams”) oder des ausser Kontrolle geratenen wilden Westens der Finanzen einsortiert.

So dürfen sich die entsprechenden Autoren auch nicht über solche Reaktionen von echten Bitcoin & Blockchain – Fachexperten wundern…

Die Realität und Regulierungen

In der Realität ist das Thema dann viel komplexer. Ein wirksamer Schutz der Investoren ist selbstverständlich etwas, was unverzichtbar ist und wofür auch ich mich einsetze. Auch braucht es Best Practices und Leitlinien für ICOs. Darunter darf dann aber das Potenzial Blockchain-basierter Innovation nicht leiden. Dieses sollte man nach Möglichkeit fördern – allein aus wirtschaftlicher Sicht und im Interesse aller Menschen.

Auch die Regulierungsbehörden (dieses bezieht sich nicht nur auf die Schweiz) sind meistens – mangels hinreichender Erfahrungswerte – noch nicht ganz sicher wie sie mit dem Thema genau umgehen sollen respektive bis zu welchem Grad Kryptowährungen und ICOs reguliert werden sollten und überhaupt regulierbar sind.

Folglich tun sich Interessenvertreter der Krypto-Branche gut daran, aufklärend zu wirken und Best Practices und Leitlinien für ICOs zu formulieren. Somit könnte man gleichzeitig auch proaktiv den zuständigen Regulierungsbehörden entgegenkommen und mit diesen in Dialog treten. Andernfalls besteht nämlich die Gefahr, dass das mit ICOs verbundene Innovationspotenzial durch zu starke Regulierungen leidet. Die Crypto Valley Association (CVA) aus Zug macht das vor und formuliert derzeit einen “Code of Conduct”, der zum einen Unternehmen bei ICOs unterstützen soll, gesetzliche und auch moralische Verpflichtungen einzuhalten. Zum anderen soll so sichergestellt werden, dass möglichen Anlegern ein klares Verständnis der mit einem ICO verbundenen Risiken vermittelt wird.

Das ganze erinnert ein wenig an regulatorische Vorgaben für Wertpapiere, allerdings sollte man hier nicht alles über einen Kamm scheren, denn wir reden hier nicht von klassischen Wertpapieren, sondern über eine völlig neue Krypto-Investitionswelt.

Blick nach China

China hat anfangs September seinen ICO-Ban bekannt gegeben. ICOs sind daher derzeit in China nicht möglich. Hintergrund ist, dass in China in der Vergangenheit offenbar vor allem unseriöse ICOs (Scams) durchgeführt wurden, die mehrheitlich einen Verlust für die Investoren zur Folge hatten. Im Kontext des ICO-Bans wurde auch der Handel mit Coins auf Exchanges gestoppt. Einige Beobachter des Chinesischen Markts vertreten jedoch die Meinung, dass China die ICOs und den Handel von Coins nur vorübergehend untersagt hat, um sich Zeit für die Formulierung bereits überfälliger Regulierungen zu verschaffen.

Picture credits: https://cointelegraph.com/

Picture credit: https://cointelegraph.com/

Und durch den ICO-Ban ist inzwischen längst eine Verlagerung der Aktivitäten von China vor allem primär nach Japan (wo z.B. Bitcoin längst offizielles Währungsmittel ist) und Südkorea, aber auch in andere Nationen erfolgt.

Wie sieht es in der Schweiz aus?

Die Schweiz zeigte und zeigt sich bisher offen für ICOs und Blockchain-basierte unternehmerische Innovationen und Aktivitäten. Damit wird erfolgreich an die Historie der Schweiz als Finanzzentrum Europas angeknüpft.

Auch öffentliche Behörden wie die Stadt Zug und Chiasso tragen zu einem Krypto-freundlichen Klima bei. Das “Crypto Valley” in Zug zieht zunehmend mehr junge Unternehmen aus diesem Umfeld an (auch mein Unternehmen net1.digital ist dort “Corporate Member”).

Die Finanzmarktaufsicht (FINMA) hat sich bisher zurück gehalten, was Regulierungen und das Stoppen von ICOs betrifft. Nun wirft aber auch die FINMA immer stärker ein Auge auf die laufenden ICOs. Jüngst wurde sogar ein ICO gestoppt, der im Grunde einem Betrugsfall gleichkommt. Dieses Verhalten der FINMA tut der Krypto-freundlichen Stimmung in der Schweiz aber keinen Abbruch, sondern zeigt, dass man sich aktiv mit dem Thema beschäftigt – und zwar zu Gunsten aller Beteiligten. Denn nicht nur die Investoren tragen bei diesen Scams grossen Schaden davon, sondern auch die gesamte Krypto-Branche leidet erheblich unter diesen Fällen.

Als weitere eher Krypto-freundlich orientierte Länder liessen sich beispielsweise noch Gibraltar, Kanada und neuerdings auch Russland nennen, die alle an einer grundsätzlich eher Krypto-freundlichen, aber regulierten Umgebung arbeiten. An dieser Stelle soll aufgrund der Länge des Beitrags aber nicht detaillierter auf diese und weitere Länder eingegangen werden. Gern gebe ich auf Anfrage Auskunft.

Fazit

Im Grunde gilt es im Interesse aller Beteiligten, eine Balance zwischen dem unverzichtbaren Schutz potenzieller Investoren und dem Ausschöpfen des grösstmöglichen Potenzials dieser innovativen und sich mehr und mehr etablierenden Investitionsform zu finden und Kryptowährungen und Blockchain-basierte Innovation möglichst nutzbringend für die Menschen und einen wirtschaftlichen als auch unternehmerischen Mehrwert einzusetzen.

Das klingt nach einer einfachen Aufgabe – in der Realität braucht es jedoch noch etwas Zeit, bis wir bei einer wirklich reifen Lösung – vor allem was Regulierungen betrifft – angekommen sind. Bis dahin sollten Investoren die von ihnen präferierten ICOs ganz genau prüfen und sich immer bewusst sein, dass bei derartigen Anlagen immer ein grosser Verlust möglich ist. Dafür gibt es Regeln. Mehr dazu bei Gelegenheit in einem anderen Beitrag.

*) Wenngleich ich selbst sehr geringe Mengen von Kryptowährungen halte, bin ich kein Anlageberater und gebe daher kategorisch keinen Rat hierzu.

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